
Karla holte tief Luft. In ein paar Minuten begann der Unterricht, und ihr war klar, daß sie wieder einmal einen ganzen Tag lang gegen Kreuzworträtsel, Geklapper von Kaffeetassen, unüberhörbares Getuschel und die Bild-Zeitung würde ankämpfen müssen.

Eigentlich war sie aus Überzeugung Lehrerin geworden, doch diese Gruppe von Rehabilitanten auf Arbeitssuche tat ihr Möglichstes, ihr diese Leidenschaft ein für allemal auszutreiben. Es war gleichgültig, wie gut sie auf die Stunden vorbereitet war, niemand wollte über die Themen diskutieren, die sie selbst für lehrreich und spannend gehalten hatte. "Erweiterung der EU"? "Die blöden Portugiesen nehmen uns nur die Arbeitsplätze weg!", "Im Ostblock ist doch alles billiger, hier will doch keiner mehr Geld reinstecken!"

"Die Auswirkungen der Bankenkrise"? "Steht doch heute drinne, alles Verbrecher, die Banker!", "Wann issn Mittach?"

Nun, irgendwie würde sie auch diesen Tag hinter sich bringen.

Karla sammelte ihre Unterlagen und sich selbst und betrat den Raum. Es war wie jeden Tag: In der "Feuerzangenbowle" hatten die Schüler wenigstens ihr Geschrei eingestellt, sobald der Lehrkörper die Klasse betrat, doch hier hielt man das nicht für notwendig. Es schien, als hätte niemand ihr Eintreten bemerkt. Erst als sie sich ein munteres "Guten Morgen!" abrang, sahen sie ein paar Augen an, als hätte gerade eine besonders lästige Fliege ihren Anflug auf das Lehrerpult beendet.

Die nächsten zwei Stunden hatten etwas von einer Debatte im Bundestag, wenn es nicht um Diätenerhöhung ging. Ein Teil der Abgeordneten war zwar körperlich anwesend, zog es aber vor, sich mit wichtigeren Dingen als der Rednerin zu beschäftigen, der Rest hatte sich vorsorglich eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung besorgt, war Kaffee kochen oder machte sich frisch, und pünktlich nach neunzig Minuten brach man gesammelt in die Pause auf, ohne sich darum zu scheren, daß sie ihren Satz noch nicht beendet hatte.

Noch fünf Stunden... Karla hielt sich an ihrem Kaffeebecher fest, wünschte sich auf den Mars und verfluchte nicht zum ersten Mal ihren Entschluß, ihr Leben der Bildung zu weihen. Je mehr sie über ihre fruchtlosen Bemühungen nachdachte, desto wütender wurde sie. Warum konnten diese furchtbaren Menschen sie nicht ein klein wenig unterstützen? Schließlich wollte sie ihnen doch nur Gutes! "Ich muß dafür sorgen, daß in dieser Gruppe mehr Disziplin herrscht." beschloß sie, ging in die Teeküche, nahm sich ein Küchenmesser und betrat den Klassenraum.

Bernd Bolle, einer der größten Störenfriede, brütete noch immer über der zweiten Seite der Bild-Zeitung. Sie schlenderte langsam um die in "U-Form" aufgestellten Tische (Idiotischerweise war das im Zuge des freien Unterrichts eingeführt worden, und es hatte nur den einen Effekt, daß sich die Teilnehmer besser unterhalten und die infantileren unter ihnen sich gegenseitig mit Papierschnipseln bewerfen konnten.), baute sich hinter Bernd Bolle auf und stieß ihm das Messer in den Rücken. Er röchelte, zuckte ein paarmal und brach dann über der Zeitung zusammen. Sein Blut vermischte sich mit dem Rot der Schlagzeilen.

Karla fühlte Herrn Bolles Puls. Nichts. Herr Bolle war Geschichte. "Dieser Mensch stört meinen Unterricht nicht mehr!", dachte sie sich und überlegte, was als nächstes zu tun sei. Normalerweise schaltete man in solchen Fällen wohl die Polizei ein und einen guten Strafverteidiger, allerdings hielt sie es nach reiflicher Überlegung für sinnvoller, die Umschülerleiche dort zu lassen, wo sie war, um die Disziplin in der Klasse ein wenig zu fördern.

Nach und nach kamen die anderen Teilnehmer aus der Pause zurück. Karla baute sich neben Herrn Bolle auf, eine Hand auf seiner Schulter, und erklärte: "Ich möchte Sie alle bitten, sich zu setzen und meinen Ausführungen sehr konzentriert zu folgen. Sie sehen ja, was geschieht, wenn noch jemand unter Ihnen meine Bemühungen ignoriert." Man setzte sich. "Haben Sie ihn umgebracht?" fragte Frau Klingebiel mutig. "In der Tat, das habe ich!" antwortete Karla. "Und ich versichere Ihnen, daß ich in bester Stimmung bin, Herrn Bolle auch einige von Ihnen folgen zu lassen, wenn Sie sich weiterhin weigern, am Unterricht teilzunehmen."

Die nächsten beiden Stunden waren ein Lehrerinnenhimmel auf Erden. Man antwortete auf Karlas Fragen, einige Teilnehmer bewiesen sogar eine gewisse Intelligenz, die sie bislang erfolgreich verborgen hatten; es entwickelte sich eine rege Diskussion über die Frage, inwieweit berufliche Weiterbildung zu einem erfüllten Leben beitragen könne.

Karla entschloß sich, die Mittagspause ausfallen zu lassen und die Umschülerleiche auch in den nächsten Tagen nicht zu entfernen, um die Motivation der Gruppe auf diesem verhältnismäßig hohen Niveau zu halten.

Sie war so euphorisch ob ihrer endlich erfolgreichen Gestaltung des Unterrichts, daß sie es Frau Müller erlaubte, auf die Toilette zu gehen.

Seit ein paar Monaten unterrichtet Karla ihre Zellengenossinnen aus Block B II in Orthographie, Grammatik und Stil, um diese in die Lage zu versetzen, ihre Anträge auf vorzeitige Haftentlassung selbst zu formulieren.
