Leseprobe von Anna K. – Grenzlinie
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- Der Beginn -


Anna war sicher, er könne nicht nur ihre Schwäche, sondern auch ihre Stärke ertragen und keines ihrer Schauspiele sei nun mehr nötig.

Sie hatte ihn überschätzt.

Als sie endlich vor ihm stand, alle Mauern niedergerissen, ungeschminkt und bar jeden Misstrauens, ist er zurückgewichen, gelaufen, so schnell er nur konnte. Auch er war nur ein zentimeterbreiter Steg über ihrem Abgrund gewesen, zu schwach, ihr Gewicht zu tragen.

Und ich, ich konnte ihr nicht helfen in diesem Moment, auch ich musste Anna allein lassen. Sie hatte ihre Scherben, ich hatte zu tun, jedenfalls würde sie es so formuliert haben. Es zerriss mich, sie so zu sehen, zumal ich wusste, dass sie auf einem guten Weg gewesen war, in eine Richtung ging, die Gesundung hätte bedeuten können. Doch sie konnte ihn nicht loslassen, sah sich außerstande, ohne ihn weiterzugehen. Sie hätte seine Hand gebraucht, würde sie sagen.

Stattdessen fand sie sich wieder mit leeren Händen, blutend, denn ihr blieb nichts, als nach den Scherben zu greifen, um sich und den Schmerz zu fühlen.

Anna tat, was nötig war, sie lachte, scherzte, zeigte uns ihr Sonnenscheingesicht, blieb trotzig. "Nein, ich nicht, ich bin normal, ich gehe nicht wieder zurück, ich weiß, was ich will, und das kann mir auch eine gescheiterte Beziehung nicht nehmen! Ich weiss ja, wie sich das anfühlt!" Sie schnitt. Sie trug langärmelige Pullover im erwachenden Frühling. Sie lächelte. Ich wusste, was sie verbarg. Scheinbare Normalität, sie machte sich zum Bild. Doch in ihr lauerten Chaos, Schmerz, Schreie.

Ich fragte mich, wie lange sie noch funktionieren würde? Wann würden die Pullover nicht mehr ausreichen, um ihren Zustand zu verbergen? Obwohl ich versuchte, Abstand zu halten, um mich zu schützen vor ihren Ausbrüchen, obwohl ich versuchte, mich dieses Mal nicht von ihr vereinnahmen zu lassen, fühlte ich, was mit Anna geschah. Ich kannte sie, ich liebte sie, und ich hatte nach jedem Gespräch mehr Angst um sie.

Wie immer in ihren selbstzerstörerischen Phasen schlief sie tagsüber, lebte nachts und mit jedem Blutstropfen, den sie aus sich herauspresste, verlor sich ihr mühsam erkämpfter Mut, sie selbst spülte ihn im Ausguss der Badewanne hinunter.

Mein Entschluss, Anna zu einer Therapie zu bewegen, wuchs. Natürlich wusste ich, dass ein solcher Schritt nur Sinn macht, wenn die Betroffene sich selbst und aus eigener Kraft dazu entscheidet. Aber ich war ihre Freundin! Wer könnte ihr in dieser Situation helfen, wenn nicht ich? Sie hatte so viel herausgefunden in der kurzen Zeit mit ihm, sie wollte weitergehen, sah trotz der Probleme, die sie beide hatten, miteinander und jeder für sich, eine Chance. Sie hatte ihm alles erzählt, alles mit ihm geteilt. Er war derjenige, der sie auf den Weg gebracht hatte. Hoffnung hatte sie auf Harmonie, Normalität, Liebe. Sie sah sich neben ihm aufwachen, fühlte sich in seinen Armen gehalten. Jetzt war er fort. Er hatte sich "entliebt", das war alles, was sie aus ihm herausbekommen konnte. Sie sei ihm zu nahe gekommen, hätte ihm nicht genügend Raum gelassen und ihn damit in die Flucht getrieben, sagte er. Ihre Tränen nahm er billigend in Kauf.

Doch wenn Anna etwas gelernt hatte, war es aufzustehen, wieder und wieder und wieder. Es musste möglich sein, voranzukommen, auch wenn der Weg uns (ja, UNS!) auf allen Vieren durch zähen Schlamm führen würde. Ich konnte doch erkennen, wohin sie gehen wollte! Sie selbst konnte es sehen in ihren klaren, guten Momenten! Und auch, wenn er beschlossen hatte, sie zu verlassen, es würde ohne ihn gehen. Die von mir selbst gewählte Distanz zu Anna verringerte sich von Tag zu Tag. Ich versuchte schließlich sogar, mich selbst zu verletzen, um ihr näher zu sein, um ihre Gefühle nachempfinden zu können.

Die doppelschneidigen Klingen der Einmalrasierer taten weh, aber ich hatte keine anderen. Wegen der engen Plastikumhüllung musste ich kratzen und schaben, obwohl ich doch wie sie schneiden wollte, so tief es irgendwie ging.

Dennoch war es erschreckend, die Klingen in der Hand zu halten und zu wissen, dass es eskalieren könnte, wenn ich es zuließe. Was ging vor in Anna, wenn sie das tat? Wie konnte sie Erleichterung fühlen, während sie sich selbst verletzte? Ich fühlte nichts als Schmerz, Ekel und Scham bei dem Gedanken, jemand könne meine zerkratzten Arme sehen.

Anna, meine Liebe, wohin führst du mich?

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